Von Mashiko nach Plagwitz
Das Drehen habe ich in einer japanischen Töpferstadt gelernt und bin mit einem Koffer voller Glasurnotizen nach Leipzig zurückgekommen – und mit einer sehr genauen Vorstellung davon, wie viel eine Reisschale wiegen sollte.

Hallo, ich bin Hanna.
Ich bin in Leipzig aufgewachsen und habe Grafikdesign studiert – deshalb skizziere ich bis heute jede neue Schale, bevor ich sie drehe. Aus einem Sommerkurs wurden zwei Jahre in Mashiko, nördlich von Tokio: Ich habe Böden gefegt, Ton geschlagen und durfte schließlich an die Scheibe eines Töpfers, der dieselbe Teeschale tausendmal drehte, bis sie einfach stimmte.
Seit 2019 arbeite ich in einer Ecke der Spinnerei, der alten Baumwollspinnerei in Plagwitz: ein Brennofen, drei Regale mit trocknenden Stücken, sechs Drehscheiben für meine Kursteilnehmer und ein Fenster mit Blick auf den Kanal.
Eine langsame Lehrzeit
Ein Abendkurs in Connewitz
Eine Freundin schenkt mir zum Geburtstag einen zehnwöchigen Töpferkurs. Ich mache elf schiefe Schalen und höre nicht mehr auf.
Zwei Jahre in Mashiko
Lehrling in einer Töpferfamilie nördlich von Tokio: Ton schlagen, abdrehen, den Holzofen beladen – und Geduld lernen.
Keramikschule im Westerwald
Glasurchemie und Ofentechnik an der Keramikschule in Höhr-Grenzhausen, dem Herzen des deutschen Steinzeugs.
Eine Werkstatt in der Spinnerei
Halle 14, ein Elektroofen und eine gebrauchte Drehscheibe von einem Töpfer aus Halle, der in Rente ging.
Der erste Restaurantauftrag
Zweihundert Teller für ein Degustationsmenü. Heute machen Restaurants die Hälfte der Arbeit aus, die die Werkstatt verlässt.
Sechs Drehscheiben, offen für alle
Abendkurse zweimal pro Woche und ein Samstagsworkshop für Menschen, die noch nie Ton berührt haben.
Wie eine Schale entsteht
Fünf Schritte und etwa drei Wochen zwischen einem Klumpen Ton und einer Schale, aus der man essen kann.

Tag 1
Ton schlagen
Der Ton wird wie Brotteig geknetet, um die Luft herauszudrücken: Eine einzige Blase kann eine Schale im Ofen sprengen.

Tag 1
Drehen
Auf der Scheibe zentriert, mit den Daumen geöffnet, die Wände in drei langsamen Zügen hochgezogen. Eine Schale dauert vier Minuten; das Lernen Jahre.

Tag 2
Abdrehen
Am nächsten Tag, lederhart, wird die Schale umgedreht und ihr Fuß ausgedreht, damit sie leicht in der Hand liegt.

Woche 2
Glasieren
Nach einem ersten Brand bei 950 °C wird jedes Stück in Glasuren getaucht oder bemalt, die ich hier nach eigenen Rezepten anmische.

Woche 3
Brennen
Dreißig Stunden im Ofen bis 1.260 °C, dann ein Tag Warten, bevor die Tür aufgehen darf. Jeder Brand ist eine kleine Überraschung.





Ein Brand dauert dreißig Stunden. Den Ofen zu öffnen, eine Sekunde.
Woraus die Werkstatt lebt
Auch eine kleine Werkstatt kann ihre Materialien sorgfältig wählen.

Steinzeugton aus dem Westerwald
Ein feiner, eisengesprenkelter Ton, gegraben dreihundert Kilometer entfernt, in Deutschlands ältester Steinzeugregion.
Glasuren von Hand gemischt
Asche, Feldspat und Eisenoxid, in der Werkstatt gewogen und gesiebt: keine Fertigglasuren.
Nichts wird weggeworfen
Abdrehspäne und misslungene Stücke werden eingeweicht, getrocknet und wieder zu Ton geschlagen.
Ökostrom
Der Ofen läuft mit zertifiziertem Ökostrom einer Leipziger Genossenschaft.
Papier statt Plastik
Bestellungen werden in Recyclingpapier und Wellpappe vom Buchbinder nebenan verpackt.